Steigende Baukosten, unsichere Märkte, Fachkräftemangel und immer neue Anforderungen an Nachhaltigkeit und Klimaschutz: Die Baubranche steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Norma Bopp-Strecker, Geschäftsführerin von Hochbau Detert, spricht im Interview über den aktuellen Zustand des Hochbaus, politische Rahmenbedingungen, den Spagat zwischen Klimazielen und Bezahlbarkeit – und darüber, warum Bauen auch in Zukunft vor allem eines bleibt: Handwerk mit Verantwortung.
Frau Bopp-Strecker, wenn Sie auf die Baubranche im Jahr 2026 blicken: Was sind aktuell die größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung ist derzeit ganz klar der enorme Kosten- und Preisdruck – und zwar auf beiden Seiten. Auf der einen Seite steigen die Einkaufspreise für Materialien, auf der anderen Seite gibt es einen massiven Preisdruck im Markt, weil aktuell schlicht zu wenige Projekte umgesetzt werden. Viele Projekte werden zwar geplant, dann aber wieder verschoben oder gar nicht realisiert. Das führt zu einer sehr schwierigen Planbarkeit der eigenen Kapazitäten. Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der uns schon seit Jahren begleitet und sich strukturell kaum verändert. Ein weiteres Dauerthema ist die zunehmende Bürokratie: Die Anforderungen an Bauvorhaben wachsen stetig, Normen und Regelwerke werden immer komplexer – und das macht Bauen am Ende schlicht teurer.
Spüren Sie die zuletzt gemeldeten positiven Signale aus der Branche bereits im Alltag?
Nein, ehrlich gesagt noch nicht. Gerade zu Jahresbeginn ist die Auftragslage traditionell eher verhalten. Ich sehe aktuell keine veränderten Rahmenbedingungen, die erklären würden, warum es plötzlich deutlich besser laufen sollte. Natürlich hoffe ich, dass diese Entwicklung noch ankommt – aber im Moment ist davon wenig zu spüren.
Welche technischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen prägen den Hochbau denn derzeit besonders?
Technisch ist das Thema BIM (Building Information Management) nach wie vor präsent – wobei man kaum noch von einer Innovation sprechen kann. Es wird seit Jahren diskutiert, ist im Mittelstand aber noch nicht flächendeckend angekommen. Wir haben unsere Prozesse darauf ausgerichtet, arbeiten aber noch nicht durchgängig komplex mit BIM. Gesellschaftlich rücken Nachhaltigkeit, Klimaschutz und soziale Verantwortung immer stärker in den Fokus. Dazu gehören Themen wie Familien- und Barrierefreiheit ebenso wie der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen. Auch Baustoffe werden zunehmend projektspezifischer und nachhaltiger – das ist eine Entwicklung, die wir deutlich sehen.
Wie wirken sich steigende Kosten, Fachkräftemangel und Investitionszurückhaltung konkret auf Ihre tägliche Arbeit aus?
Unsere Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Wenn Projekte verschoben werden, sind wir durch unsere Zusammenarbeit mit Subunternehmen aber sehr flexibel. Zusätzlich nehmen wir dann auch kleinere Projekte an – etwa Umbauten –, die für ein größeres Unternehmen eigentlich nicht ideal sind, aber helfen, Beschäftigung zu sichern.
„Bürokratische Hürden bremsen die Baubranche aus. Diese Bremse zu lösen, ist vor allem Aufgabe der Politik.“
Welche politischen Rahmenbedingungen beeinflussen den Hochbau aktuell am stärksten?
Vor allem die Energie- und Klimapolitik verändert aktuell die Rahmenbedingungen im Bau deutlich. Immer mehr Nachweise und technische Standards beeinflussen Vergaben, während gleichzeitig Förderprogramme – insbesondere KfW-Förderungen – stark zurückgefahren wurden. Früher konnten höhere Anforderungen durch Fördermittel teilweise ausgeglichen werden, heute fehlen diese Entlastungen häufig. Dadurch wird Bauen insgesamt deutlich teurer und schwerer kalkulierbar. Gleichzeitig wird verstärkt über einen sogenannten „Bauturbo“ diskutiert, der Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen soll. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass vereinfachtes Bauen oft an bestehenden Umweltauflagen, Beteiligungsverfahren und gesetzlichen Vorgaben scheitert. Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, Klimaschutz, Qualität und schnellere Bauprozesse realistisch miteinander zu verbinden.
Was wünschen Sie sich konkret von der Politik, um Bauen wieder planbarer zu machen?
Wir brauchen vor allem wieder stabile und verlässliche Rahmenbedingungen. In den letzten Jahren gab es viele Ankündigungen, aber wenig Substanz. Das hat Investoren und Bauunternehmen verunsichert. Darüber hinaus wünsche ich mir deutlich vereinfachte und digitalisierte Genehmigungsprozesse. Behörden müssen schneller, pragmatischer und mutiger entscheiden. Und wir brauchen dringend eine Entschlackung der Normen und Regelwerke. Kaum ein Bereich ist so überreglementiert wie das Bauen. Viele Vorschriften widersprechen sich sogar – das treibt Kosten und bringt niemanden weiter.
„Wir brauchen wieder echte Planbarkeit sowie stabile und verlässliche Rahmenbedingungen.“
Ist der Zielkonflikt zwischen Klimaneutralität, Bezahlbarkeit und Verlässlichkeit überhaupt auflösbar?
Das ist ein echter Zielkonflikt. Höhere Standards bedeuten höhere Investitionskosten – oft sehr deutlich höhere. Nachhaltigkeit muss langfristig gedacht, aber kurzfristig finanziert werden. Hinzu kommt, dass es in vielen Bereichen – etwa bei erneuerbaren Energien – noch zu wenige Fachbetriebe gibt, die Planung und Umsetzung leisten können. Das bremst zusätzlich.
Wird in Zukunft eher modernisiert als neu gebaut?
Ja, der Bestand wird an Bedeutung gewinnen – das ist auch politisch so gewollt und grundsätzlich sinnvoll. Gerade in Innenstädten gibt es viele Gebäude mit schlechtem energetischem Zustand, die saniert werden können und nicht zwingend einem Neubau weichen müssen. Neubauten wird es weiterhin geben, aber selektiver und stärker reguliert, insbesondere in urbanen Lagen.
Welche Kompetenzen werden aus Ihrer Sicht künftig besonders gefragt sein?
Der Schlüsselfertigbau wird vermutlich weiter an Bedeutung gewinnen, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Darüber hinaus werden digitale Kompetenzen und Prozessverständnis immer wichtiger – besonders beim Bauen im Bestand. Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema, vor allem auch wegen der umfangreichen Dokumentationspflichten. Und wir müssen konsequent in Aus- und Weiterbildung investieren. Es geht nicht mehr nur darum, Gebäude zu errichten, sondern zukunftsfähige Bauwerke zu schaffen.
Wie stark verändert sich das Berufsbild im Bau durch Digitalisierung und KI?
Bauen bleibt Handwerk. Unsere Gebäude entstehen weiterhin mit den Händen. Digitale Technologien können unterstützen und Prozesse verbessern, aber sie ersetzen das Handwerk nicht. Auch KI wird das Bauen nicht grundlegend ablösen – und das ist aus meiner Sicht auch ein Vorteil. Technologien wie 3D-Druck im Bau existieren, werden aber auf absehbare Zeit kein Massenphänomen sein. Das ist noch Zukunftsmusik.
Was bedeutet zukunftsfähiges Bauen für Sie persönlich?
Verantwortung – für Umwelt, Gesellschaft und kommende Generationen. Wir stellen uns dieser Verantwortung unter anderem durch Programme wie ÖKOPROFIT, durch CO₂-Bilanzierungen und durch den Anspruch, langfristig funktionierende Lösungen zu entwickeln – technisch wie wirtschaftlich. Ganz entscheidend ist dabei der Mensch im Unternehmen. Mitarbeitende müssen befähigt und weitergebildet werden, um diesen Wandel mitzugehen.
Was unterscheidet Hochbau Detert von anderen Bauunternehmen ähnlicher Größe?
Klare Werte, die im Alltag gelebt werden. Wir arbeiten jedes Jahr gezielt an einem Schwerpunktthema – etwa Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Mitarbeiterfreundlichkeit. Dazu kommt ein sehr konstantes Team mit wenig Fluktuation, was für Qualität und Zusammenhalt spricht. Und: Wir sind ein Familienunternehmen. Wir denken nicht in kurzfristigen Gewinnen, sondern langfristig. Es geht darum, das Unternehmen auch für die nächsten Generationen solide aufzustellen.
„Als Familienunternehmen stehen wir für werteorientiertes Handeln und übernehmen Verantwortung.“
Sie sind Geschäftsführerin in einer nach wie vor männerdominierten Branche. Wie war Ihr persönlicher Weg?
Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert und leite seit rund 21 Jahren Hochbau Detert. In dieser Zeit ist das Unternehmen gewachsen und hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Aber ich habe mich nie über mein Frausein definiert. Leistung, Disziplin und fachliche Kompetenz sind entscheidend – unabhängig vom Geschlecht.
Was raten Sie jungen Frauen, die eine Karriere im Bau anstreben?
Einfach machen. Hart arbeiten, fachlich gut sein und das Thema „Frau sein“ nicht ständig in den Vordergrund stellen. Wer überzeugt, wird ernst genommen.
Was macht für Sie gute Führung aus – gerade in herausfordernden Zeiten?
Klarheit, Verlässlichkeit, Entscheidungsstärke und ehrliche Kommunikation. Führung bedeutet Vorbild zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig glaube ich, dass Frauen oft ein gutes Gespür für Mitarbeiterführung haben – für Gespräche, Stimmungen und Unterstützung. Das darf und sollte man auch nutzen.
Was treibt Sie persönlich an, gerade in schwierigen Phasen?
Ich kann nicht einfach abschalten – dafür trage ich zu viel Verantwortung. Aber mich treibt das positive Zukunftsbild an: die Überzeugung, dass sich Rahmenbedingungen wieder verbessern werden und wir unserer Aufgabe dann wieder mit mehr Leichtigkeit nachgehen können. Diese Perspektive gibt mir Energie.
Und zum Schluss: Was möchten Sie mit Hochbau Detert in den nächsten Jahren erreichen?
Mein Ziel ist es, das Unternehmen in der aktuellen Größe und Struktur zu stabilisieren – ohne abbauen zu müssen – und uns konsequent auf kommende Veränderungen vorzubereiten. Digitalisierung, modulare Bauweisen und neue Anforderungen werden den Hochbau prägen. Wir wollen technisch mithalten, unsere Mitarbeitenden qualifizieren und die Baulandschaft in Ostwestfalen weiterhin positiv mitgestalten.